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Digital Health | Health Care News

07 / 10

Perspektive der Medizintechnik

Wir werden dank präziserer, prädiktiver, effizienter und vorbeugender Versorgung in einer gesünderen Welt leben.

Prof. Dr. Mathias Goyen

Chief Medical Officer Europe von GE Healthcare

Stellungnahme zu Digital Health aus der Perspektive der Medizintechnik

Herr Prof. Dr. Goyen, wie beurteilen Sie die durch Digital Health initiierte Entwicklung aus der Perspektive der Medizintechnik? Welchen Einfluss hat Digital Health auf die Rolle von Medizintechnikunternehmen?

Unser Gesundheitswesen war noch nie so transparent, so intelligent vernetzt und so dynamisch. Der vermehrte Einsatz „schlauer Geräte“ („smart devices“), von Genomik und künstlicher Intelligenz (KI) läutet eine neue Ära ein, mit dem Potenzial für signifikante Verbesserungen bzgl. der Therapieergebnisse und der operativen Effizienz in allen Bereichen der Versorgung.


Auf der anderen Seite war unser Gesundheitswesen noch nie einem größeren Druck ausgesetzt. Das Wachstum und die Alterung der Weltbevölkerung, die zunehmende Zahl chronisch Erkrankter, die allgemein steigenden Kosten für Gesundheitsdienstleistungen, die zunehmende Komplexität sowie eine unzureichende Infrastruktur zwingen dazu, jeden Aspekt der Gesundheitsversorgung grundlegend zu überdenken – von der Gesundheitspolitik über die Versorgung bis hin zu Zahlungssystemen.


Mithilfe von Digital Health wird das Gesundheitswesen der Zukunft digital, integriert, auf den einzelnen Patienten zugeschnitten und effizient sein:


  • Die Diagnostik wird sich auf die individuellen genetischen und gesundheitlichen Bedürfnisse und auf die spezifischen sozioökonomischen Faktoren, die unser Leben beeinflussen, fokussieren.
  • Entscheidungen über unsere Gesundheit werden zunehmend durch Erkenntnisse aus einer Vielzahl integrierter Daten getroffen und durch KI ermöglicht.
  • Klinische Studien werden zukünftig zielgerichtet, hocheffizient und risikoarm sein.
  • Hocheffiziente, personalisierte Therapien werden die Norm sein.
  • Unsere wichtigsten Gesundheitsdaten werden fortlaufend überwacht werden, nicht nur wenn wir krank sind, und der Schwerpunkt liegt darauf, gesund zu bleiben.


Kurz gesagt: Wir werden dank präziserer, prädiktiver, effizienter und vorbeugender Versorgung in einer gesünderen Welt leben („precision health“, auf Deutsch: Präzisionsgesundheit).


Die Vision von „Digital Health“ bei GE Healthcare umfasst neben präzisen und personalisierten Diagnose- und Behandlungsansätzen auch die betriebswirtschaftliche Effizienz und eine gesteigerte Produktivität, die von einem intelligenten Gesundheitssystem ausgehen. Im Rahmen der Transformation des Gesundheitswesens werden KI-fähige Applikationen Einzug in die klinische Routinediagnostik halten. Beispielsweise wird sich die Arbeit des Radiologen verändern. KI-Anwendungen werden definitiv Teil der täglichen Routine werden, wenn es darum geht, einfachere Fälle zu diagnostizieren und sich wiederholende Aufgaben zu übernehmen. Doch dies ist nach meiner Auffassung kein Grund, sich bedroht zu fühlen, denn schließlich umfasst die Tätigkeit des Radiologen mehr als nur die Bildinterpretation. Radiologen sitzen in Tumorboards oder therapieren Krankheiten (z. B. durch lokale Ablationstherapien und interventionelle Radiologie). Das sind Aktivitäten, die nicht so einfach automatisiert werden können. Daher müssen sich m. E. Radiologen, aber auch Fachärzte aus anderen Bereichen in den kommenden Jahrzehnten keine Sorge um ihren Arbeitsplatz machen.



KI kann uns helfen, mehr zu sehen und genauer und schneller zu diagnostizieren. KI bietet eine enorme Chance, dass Medizin wieder menschlicher wird, indem sie Radiologen und Kliniker von Routineaufgaben entlastet und ihnen so wieder mehr Zeit gibt, sich um die Patienten zu kümmern.

Persönliche Einschätzung von Prof. Dr. Mathias Goyen

1.


„Digital Health“ – was geht Ihnen bei diesem Terminus als Erstes durch den Kopf?

Der Begriff „Digital Health“ umschreibt den Prozess der fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen, um die Effizienz der Gesundheits­versorgung zu verbessern und Arzneimittel individueller und wirkungsvoller einsetzen zu können. Ein wesentlicher Baustein ist der Einsatz KI-fähiger Applikationen, um bisher häufig unverknüpfte Daten im Gesundheitswesen sinnvoll zu verknüpfen. Auf diese Weise werden Ärztinnen und Ärzte befähigt, Krankheiten früher und mit einer höheren Treffsicherheit zu diagnostizieren.

2.


Transformation und Digitalisierung – was ist gut daran?

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit dem Einsatz von KI-Systemen wird

  • für wesentliche Zeit- und Kosteneinsparungen sorgen,
  • bei der Datenverarbeitung und der Analyse von großen Datenmengen helfen und auf diese Weise eine schnellere Diagnose ermöglichen,
  • dadurch die Akteure im Gesundheitswesen entlasten und ihnen die Arbeit erleichtern und
  • eine schnellere und präzisere Diagnose auch in ländlichen Regionen, in denen wenig Arztpersonal vorhanden ist, oder auch in weniger entwickelten Ländern ermöglichen.

3.


Welche Probleme bestehen und welche Lösungen sehen Sie?

Da im Gesundheitssektor mit wirklich sensiblen Daten gearbeitet wird, sind einige Herausforderungen, die die fortschreitende Digitalisierung mit sich bringt, zu lösen. Ein Datenverlust wäre potenziell fatal, daher stehen die Themen Datensicherung und Schutz vor Hacking-Angriffen oben auf der Agenda.


Eine weitere Herausforderung besteht in der zurzeit noch erschwerten Zulassung von KI-Applikationen. Da diese Algorithmen lernende Systeme sind, die auch nach der Zulassung weiterlernen, gibt es bisher europaweit keine einheitlichen Regelungen und Kriterien, wie diese geprüft werden sollen.

4.


Wie wird das Gesundheitswesen in zehn Jahren aussehen?

Das Gesundheitswesen wird in der Zukunft auf deutlich mehr intelligent verknüpften Daten basieren und auf diese Weise in den Bereichen Prävention, Diagnostik, Therapien und Monitoring weniger „zufällig“ sein. KI wird die Medizin grundlegend verändern. Ich glaube fest an ein „Hybridmodell“, bei dem Arzt und Algorithmus ein Team bilden. Nicht die KI-Applikation ist der Feind, sondern die Krankheit. Natürlich wird es auch in zehn Jahren noch Ärzte geben. KI per se wird den Arzt nicht ersetzen, aber Ärzte, die das Potenzial der KI nutzen, werden mittelfristig die Ärzte verdrängen, die dies nicht tun.

Prof. Dr. Mathias Goyen

Chief Medical Officer Europe von GE Healthcare

Prof. Dr. med. Mathias Goyen ist Chief Medical Officer Europe von GE Healthcare, einer 19-Milliarden-Dollar-Abteilung von General Electric. In seiner Rolle leitet er die medizinischen, klinischen und Evidenzstrategien von GE Healthcare für Produktmodalitäten in Europa. Prof. Goyen hat an den Universitäten Bochum und Basel Medizin studiert, ist Facharzt für Diagnostische Radiologie und seit 2010 Professor an der Universität Hamburg.