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Digital Health | Health Care News

06 /10

Perspektive der Politik

Nicht die Digitalisierung, sondern die Menschen sollten im Mittelpunkt von Digital Health stehen.

Dr. Markus Klimmer

Management- und Politberater

Stellungnahme zu Digital Health aus der Perspektive der Politik

Herr Dr. Klimmer, wie beurteilen Sie die durch Digital Health initiierte Entwicklung aus der Perspektive der Politik? Was sind die Aufgaben der Politik im Transformationsprozess?

Politik, das sollte in erster Linie Gestaltung sein, Rahmenbedingungen schaffen, für einen fairen Interessenausgleich sorgen. Die große Herausforderung ist: Wie soll man etwas gestalten, das man nicht wirklich versteht, dessen Entwicklung rasant und nicht vorhersehbar ist? Das geht den Führungskräften in der Privatwirtschaft nicht viel anders. Für mein Buch „Digital Leadership“ habe ich 40 CEOs ausführlich befragt. Heraus kam unter anderem:


Nur groß denken hilft. Das Wissen in der Organisation sitzt oft an der Peripherie und muss in einem nicht hierarchischen Prozess (immer wieder) mobilisiert und mit Wissen von außerhalb komplettiert werden. Oft werden neue Lösungen in „Design Labs“ unter Zuhilfenahme von Design Thinking erarbeitet. Personalentwicklung wird zur Kernkompetenz von Digitalisierung.


So etwas können die Stäbe und Strategieabteilungen in den Ministerien und Parlamenten nicht leisten. Denn auch für Politik gilt: Nur groß denken hilft. Nur so wird man die Diskussion positiv führen können und nicht an Schutzzäunen scheitern. Es braucht also gute Thinktanks, um für Politik das zu leisten, was in der Privatwirtschaft gerade erfolgreich geschieht. Nur wenn man eine Blaupause für ein Zielsystem hat, kann man über den Tag hinaus gestalten. Dazu braucht es normative Zielsetzungen: Ich plädiere für zwei Kernpunkte: (1) Wir brauchen ein menschliches Gesundheitswesen. (2) Das Gesundheitswesen hat eine Bringschuld gegenüber den Menschen. Nicht die Digitalisierung, sondern die Menschen sollten im Mittelpunkt von Digital Health stehen – und dann das System mit den Möglichkeiten von Technologie und Digitalisierung in seinen Grundzügen noch einmal neu denken.


Digitalisierung kann erst einmal viele Verlierer haben. Robotics und künstliche Intelligenz gefährden alle Jobs, die am Schreibtisch verrichtet werden. Das wird eine massive Transformation zur Folge haben. Es ist aber nicht die Stärke von Politik, Probleme zu lösen, die noch keiner kennt. Nur wenn Digitalisierung als Gewinnerthema wahrgenommen wird, wird sich die Politik dem ausreichend widmen. Wird etwas nur als Verliererthema (Jobverlust!) wahrgenommen, dann wird es oft nicht gestaltet – und es kommt zu Kollateralschäden. Wenn die Politik den Mut zum großen digitalen Wandel haben bzw. bekommen soll, dann müssen die Chancen klar werden. Das wird die Politik aber nicht selbst denken können. Ich freue mich daher, dass EY einen Beitrag dazu leisten will, genau diese Lücke zu schließen und Verantwortung zu übernehmen – quasi als Design Lab für Digital Health.

Persönliche Einschätzung von Dr. Markus Klimmer

1.


„Digital Health“ – was geht Ihnen bei diesem Terminus als Erstes durch den Kopf?

Die Gesundheitskarte. Und so geht es vielen im Lande. Leider. Denn Digital Health ist doch so viel mehr als ein Krankenschein im Kartenformat oder eine Health App. Wenn die Frage lautet: „Was sollte einem bei Digital Health als Erstes durch den Kopf gehen?“, dann wären es die Durchbrüche und Chancen bei personalisierter Medizin, die Möglichkeiten von Top-Versorgung auch in ländlichen Räumen und neue Wege in der Pflege.

2.


Transformation und Digitalisierung – was ist gut daran?

Dass wir gezwungen sind, unser Gesundheitswesen noch einmal ganz neu zu denken, statt immer wieder an allen Schräubchen zu optimieren. Ob wir es wollen oder nicht – die Digitalisierung wird die Versorgung auf den Kopf stellen. Wer diesen Prozess gestalten will, der muss jeden Stein des heutigen Gesundheitswesens umdrehen. Gut so!

3.


Welche Probleme bestehen und welche Lösungen sehen Sie?

Dass die Menschen dabei unter die Räder geraten: die Patienten, weil sie vielleicht nur noch eine Nummer sind und ihre Würde zu kurz kommt, ihre Familien, weil immer mehr Menschen immer mehr Pflege brauchen, die Beschäftigten im medizinischen Bereich, weil sie vielleicht nur noch den Mangel verwalten oder mit dem rasanten Fortschritt nicht mitkommen, die Beschäftigten im Verwaltungsbereich, weil ihre Jobs mehrheitlich wegfallen, und die Politik, weil sie die Digitalisierung kaum verstehen und daher auch nur schwer gestalten kann. Lösungen? Die Arbeit wird nicht weniger, nur anders: Die große Chance besteht darin, die Ressourcen für ein gut organisiertes und ausgestattetes Gesundheitswesen in einer zunehmend alternden Gesellschaft freizuschaufeln.

4.


Wie wird das Gesundheitswesen in zehn Jahren aussehen?

Viel menschlicher – denn die Digitalisierung führt zur Notwendigkeit und Möglichkeit von mehr analoger Kommunikation. Lotsen kümmern sich um die Menschen und werden zu ihren Gesundheitsmanagern. Medikation und Behandlung sind vollständig personalisiert und werden erfolgsbezogen vergütet. Viel mehr Menschen überleben die großen Krankheiten als heute – und brauchen dann andere Formen der Unterstützung und Zugewandtheit in Reha, Neurologie, Geriatrie und vielem anderen mehr. Ob Stadt, ob Land, die Gesundheit und das Überleben hängen nicht (mehr) von der Postleitzahl ab. Unzählige Health Apps machen die Menschen zu ihren eigenen Gesundheitsmanagern. Alles, was heute bei Kassen und Leistungserbringern an Backoffice-Leistungen erbracht wird, wird durch Robotics-Lösungen ersetzt. Es bleibt kein Stein auf dem anderen im deutschen Gesundheitswesen.

Dr. Markus Klimmer

Management- und Politberater

Dr. Markus Klimmer ist als Management- und Politikberater tätig und lebt in Berlin und London. Er war Gründer und Leiter des Bereichs Public Sector bei McKinsey, leitete die Strategieberatung für den öffentlichen Sektor bei Accenture und ist Mitglied im Health Board bei EY. Zweimal wechselte er in die Politik: 2007 bis 2009 als Wirtschaftsberater des Außenministers und Vizekanzlers Dr. Frank-Walter Steinmeier und 2016/17 als Strategieberater des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Christian Kern. Darüber hinaus lehrt er Public Management an der Hertie School of Governance in Berlin.