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Digital Health | Health Care News

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Perspektive der Krankenkassen

Digital-Health-Angebote helfen, den gestiegenen Erwartungen an Servicequalität und Bearbeitungs­­geschwindigkeit im klassischen Geschäft zu begegnen.

Dr. Stefan Knupfer

Vorstand AOK PLUS

Stellungnahme zu Digital Health aus der Perspektive der Krankenkassen

Herr Dr. Knupfer, wie beurteilen Sie die durch Digital Health initiierte Entwicklung aus der Perspektive der Krankenkassen? Welchen Einfluss hat Digital Health auf die Rolle der Krankenkassen?

Eine Krankenversicherung im traditionellen Sozialversicherungssystem stellt für viele Menschen einen rein passiven Dienstleister im Hintergrund dar, der im Krankheitsfall die Bezahlung der Behandlung vornimmt. Die Differenzierung der Krankenkassen wird vorrangig durch die Höhe des Beitragssatzes und das Serviceangebot bestimmt. Der technologische Fortschritt, die immer umfangreicheren regulatorischen Vorgaben und die immer höheren Ansprüche des Kunden lassen den Druck steigen. Digital-Health-Angebote und deren Anbieter erzeugen genau diesen Druck auf das Service- und Produktangebot und das heutige Geschäftsmodell einer Krankenkasse.


Mit Blick auf die in den Systemen der Versicherungen gespeicherten Daten ist eine Krankenkasse in der Lage, bessere Aussagen über den Gesundheitszustand des Kunden zu treffen als andere Akteure. Diese Daten stehen heute allerdings noch stark zeitversetzt und damit viel zu spät zur Verfügung, um sie für die Optimierung der konkreten Behandlung bzw. die Unterstützung zur Vermeidung von Krankheiten einzusetzen.


In jedem digitalen oder digital unterstützenden Angebot stecken Chancen und Herausforderungen. Der Erfolg solcher Angebote kann nicht in Downloads, Transaktionsvolumina oder Vertriebszahlen gemessen werden, sondern es kommt darauf an, ob damit in der Zukunft eine flächendeckende Versorgung ermöglicht wird und die Folgen des demografischen Wandels gemildert werden können. Angebote werden nur dann als hilfreich empfunden, wenn sie unseren Kunden und Partnern Entlastung und Unterstützung im Alltag bieten.


Digital-Health-Angebote helfen, den gestiegenen Erwartungen an Servicequalität und Bearbeitungsgeschwindigkeit im klassischen Geschäft zu begegnen. Allerdings wollen immer mehr Kunden ihre Gesundheit nicht dem Zufall überlassen und suchen nach Angeboten, die eine gesunde Lebensweise unterstützen. Um hierfür konkrete Angebote im Produktportfolio zu haben, müssen Krankenkassen neue Wege beschreiten und sich die Hilfe der Digital-Health-Anbieter sichern. Die Geschwindigkeit, in der Veränderungen wirken, ist rasant und nimmt täglich zu. Um sich für die Anforderungen der Kunden einerseits und den Anpassungsdruck andererseits passend aufzustellen, haben Krankenkassen nur wenig Zeit. Das Eingehen und geschickte Ausgestalten von Kooperationen mit Start-ups und veränderungsbereiten Partnern im Gesundheitswesen ist eine wichtige Grundlage, um Geschwindigkeit bei der Umsetzung und Marktdurchdringung zu erreichen. Krankenkassen müssen dazu den Begriff des Partners über das klassische Verständnis des Sozialgesetzbuchs hinaus weiterentwickeln. An der Gesundheit des Kunden wirken Nahrungsmittelhersteller, Fitnessstudios und Smartwatches mit.


Viele Kunden sehen von diesen neuen Rollen und der Pionierarbeit wenig. Sie erwarten, kompetent und umfassend beraten zu werden – auf allen Kanälen und im persönlichen Gespräch. Hier kommt den Mitarbeitern einer Krankenkasse eine neue Bestimmung zu. Ohne jede Bevormundung werden sie die vorhandenen Informationen und Daten nutzen, um jedem Kunden in seiner jeweiligen konkreten Lebenssituation zu helfen und Orientierung zu geben.


Digital-Health-Anbieter fordern mit ihren Produkten die Kreativität und die Anpassungsfähigkeit einer Krankenkasse heraus. Mit einem für die Kunden und Partner passenden und für die Mitarbeiter sinnstiftenden Geschäftsmodell, das Digital-Health-Angebote integriert, wird es auch in der Zukunft eine tragfähige und solidarische Krankenkasse geben.

Persönliche Einschätzungen von Dr. Knupfer

1.


„Digital Health“ – was geht Ihnen bei diesem Terminus als Erstes durch den Kopf?

Das Gesundheitsempfinden eines jeden Menschen ist sehr individuell und unser Gesundheitswesen ist hochkomplex. Angebote und Projekte zu Digital Health sind Bausteine, die – wenn sie richtig eingesetzt werden – allen Akteuren im Gesundheitswesen helfen. Unsere Kunden können bewusster leben, unsere Mitarbeiter können schneller entscheiden und besser beraten und unsere Partner besser behandeln.


Genau daran wird die allseitige Herausforderung deutlich. Alle Möglichkeiten des technischen Fortschritts wie Telemedizin, Diagnoseassistenz mittels KI, Patientenakten und Sensorik müssen erprobt und in den Alltag eingebaut werden.


Zudem macht der englische und recht abstrakte Begriff „Digital Health“ deutlich, wo die eigentliche Herausforderung liegt: Unseren Kunden muss der tatsächliche Nutzen in verständlicher Sprache erläutert und unsere Mitarbeiter müssen befähigt werden, diesen für unsere Kunden einzusetzen.

2.


Transformation und Digitalisierung – was ist gut daran?

Beide Themen wirken aufeinander und erzwingen Veränderungen.


Die Digitalisierung eröffnet Optionen, um den Herausforderungen unserer Zeit wie dem demografischen Wandel, dem Fachkräftemangel und dem mancherorts auftretenden Pflegenotstand zu begegnen. Digitale Lösungen müssen so angelegt sein, dass sie unsere Partner im Gesundheitswesen entlasten und mehr Freiräume für Prävention und Behandlung schaffen.


Genau dies stellt alle Handelnden und deren etablierte Prozesse vor große Herausforderungen. Mit der zielgerichteten Transformation der AOK PLUS begeben wir uns in eine neue Unternehmenskultur und eine neue Art der Zusammenarbeit mit den Akteuren im Gesundheitswesen, die uns auf Sicht neue Geschäftsfelder eröffnet und die Loyalität unserer Kunden erhöht.

3.


Welche Probleme bestehen und welche Lösungen sehen Sie?

Bei den meisten Angeboten fehlt die Kundenzentrierung. Ärzte, Industrie und IT-Fachleute bringen Angebote in den Markt, die unsere Kunden nicht verstehen oder ihr Recht auf Selbstbestimmung bei der Datennutzung vernachlässigen.


Ein weiterer Aspekt ist die heterogene Ausstattung. Vielen Akteuren fehlt es an Zeit, Know-how und qualifiziertem Personal, um Lösungen zu etablieren. Zudem sprechen viele Geräte und Systeme nicht die gleiche Sprache.


Die Lösungen haben wir selbst in der Hand. Wir setzen uns für die Interoperabilität der Daten ein, unterstützen Ärzte und Apotheker bei IT-Fragen vor Ort und arbeiten in gemeinsamen Projekträumen.


Zudem binden wir unsere Kunden bei der Ideenfindung und der konkreten Produktentwicklung ein, damit sie die Angebote verstehen und nutzen. Jedes Angebot wird mit unseren Kunden oder Partnern verprobt.

4.


Wie wird das Gesundheitswesen in zehn Jahren aussehen?

Vorhersagen über längere Zeiträume sind schwierig, aber gewisse Trends zeichnen sich ab.


Die Möglichkeiten zur Selbstvermessung nehmen zu. Neben gelaufenen Schritten oder Blutzuckerwerten werden das Langzeit-EKG oder gängige Vitalwerte unseren Kunden eine neue Sicht auf sich selbst geben. Älteren Menschen werden Sensoren und Sprachassistenten helfen, den Alltag zu meistern.


KI-gestützte Assistenzsysteme und neue Labortechniken werden Mediziner dabei unterstützen, passende Entscheidungen zu treffen. Dies betrifft vorrangig die Diagnosestellung, die Analyse und Bewertung von Langzeitdaten und die Herstellung individualisierter Medizin.


Plattformen mit aufeinander abgestimmten IT-Systemen werden die dafür benötigten Informationen liefern. Die Beteiligten aller Einrichtungen werden vernetzt arbeiten.


Je mehr Informationen verfügbar sind, desto schwieriger ist die Orientierung. In zehn Jahren wird jeder Kunde seinen teilweise digitalen Gesundheitslotsen haben, der alle freigegebenen Informationen benutzt, um ihn in seiner individuellen Lebenssituation zu beraten.

Dr. Stefan Knupfer

Vorstand AOK PLUS

Stefan Knupfer ist Vorstand der AOK PLUS, der größten gesetzlichen Krankenkasse in Sachsen und Thüringen, mit über 3,3 Millionen Privatkunden und einem Marktanteil von über 50 Prozent.


Er studierte an der Universität Regensburg und promovierte 1993 zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Während seiner Tätigkeit an der Universität arbeitete er auch als Berater für mittelständische Unternehmen.


1993 begann seine berufliche Laufbahn bei der AOK in Sachsen. Dort war er in verschiedenen Führungspositionen unter anderem für Marketing, Vertrieb, Finanzen, Controlling, Unternehmensentwicklung und IT verantwortlich.

Seit 2014 ist Stefan Knupfer Vorstand der AOK PLUS und maßgeblich für die strategische Ausrichtung der Krankenkasse verantwortlich. Vor dem Hintergrund des sich immer schneller verändernden Marktes beschäftigt er sich aktiv mit der Digitalisierung und der Veränderung des Gesundheitsmarktes und dessen Kunden. Daher steht die zukunfts- und kundenorientierte Weiterentwicklung des heutigen Geschäftsmodells im Fokus seiner Arbeit.