image

Digital Health | Health Care News

03 / 10

Perspektive künftiger Führungskräfte

Digitalisierung sollte als ein Hilfsmittel und nicht als ein „Allheilmittel“ für die großen Herausforder­ungen des Gesund­heit­swesens aufgefasst werden.

Jana Aulenkamp

ehem. Präsidentin der bvmd e. V.

Stellungnahme zu Digital Health aus der Perspektive künftiger Führungskräfte

Frau Aulenkamp, wie beurteilen Sie die durch Digital Health initiierte Entwicklung aus der Perspektive der künftigen Mediziner? Welchen Einfluss hat Digital Health auf das Berufsbild und den Arbeitsalltag?

In erster Linie ist es wichtig, zwischen generellen Chancen und Herausforderungen von Digital Health und der aktuellen politischen wie auch organisatorischen Umsetzung zu differenzieren.


Der Bereich bietet der Medizin generell neue Möglichkeiten wie auch Herausforderungen der Vernetzung, Diagnostik und Therapie. Die Vernetzung innerhalb einer Berufsgruppe, z. B. von Kliniken und ambulanter Versorgung, kann vereinfacht werden. Auch können Daten vom Patienten einfacher gespeichert und verteilt werden. Neue diagnostische Verfahren werden etabliert. Beispielsweise werden bereits jetzt in der Neurologie Clinical-Support-Decision-Systeme angewendet oder es sind Apps verfügbar, die „digitale Biomarker“ der Patienten speichern und auswerten.


Mit der Einführung der Digitalisierung in die Medizin erhofft man sich häufig, dass sie die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten erleichtert. So glaubt der medizinische Nachwuchs, dass die Digitalisierung die Arbeitsorganisation vereinfacht und die Versorgung im Allgemeinen verbessert. Oft wird von unterschiedlichen Seiten postuliert, dass sich die interprofessionelle Zusammenarbeit verbessern kann. Wichtig ist hier zu differenzieren, dass digitale Tools zwar Informationen einfacher zugänglich machen, sich deshalb jedoch nicht die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen oder mit den Patienten per se verbessert. In der digitalen wie auch in der analogen Kommunikation wird es weiterhin nötig sein, Verständnis für die anderen Beteiligten aufzubringen und die andere Perspektive wertzuschätzen. Des Weiteren gilt es zu bedenken, dass die digitale Medizin nicht automatisch dazu führt, dass die Beteiligten mehr Zeit haben. Jede Einführungs- oder Umstellungsphase ist mit einem Ressourcenaufwand verbunden, der zu berücksichtigen ist und auch so kommuniziert werden sollte. Langfristig kann die Erleichterung enorm sein und den verschiedenen Berufsgruppen mehr Zeit für ihre jeweiligen Kernaufgaben verschaffen.


Daher sollte die Digitalisierung als ein Hilfsmittel und nicht als ein „Allheilmittel“ für die großen Herausforderungen des Gesundheitswesens aufgefasst werden.


Die Möglichkeiten, die die digitale Medizin bieten könnte, werden derzeit überschattet von den vielen Herausforderungen in ihrer Umsetzung. Medizinstudierende geben an, dass sie kaum Wissen zu dem Thema haben und Assistenzärzte bemängeln die technische Ausstattung der Kliniken oder die Implementierung der Digitalisierung. Praxen müssen sich durch die neuen gesetzlichen Vorgaben einer Infrastruktur anschließen, die sie kaum verstehen und nicht als positiv bewerten. Daher sind die aktuellen Auswirkungen mit Vorsicht zu betrachten.


Die digitale Medizin muss Teil des ärztlichen Handelns werden und wird es mit der Zeit selbstverständlich werden. Voraussetzung dafür ist, dass sie umfassend gelehrt wird und in der Versorgung ankommen muss. Dafür benötigt es aber vertrauensvolle Standards, Leitfäden der Fachgesellschaften und eine evidenzbasierte hohe Qualität für digitale medizinische Anwendungen.


Es lässt sich festhalten, dass Digital Health nur dann flächendeckend implementiert werden kann, wenn die Umsetzung gut durchdacht ist und sich alle Gesundheitsbereiche Digital Health zu eigen machen.

Persönliche Einschätzung von Jana Aulenkamp

1.


„Digital Health“ – was geht Ihnen bei diesem Terminus als Erstes durch den Kopf?

Ich denke an ein Start-up-Unternehmen, das mir erklärt hat, dass sie „digitale Biomarker“ über das Smartphone eines Patienten erheben und damit durch Musterbildung versuchen, eine Demenz früher zu erkennen. Das hat mir das erste Mal eine ganz neue Perspektive von Digital Health bezüglich Prävention und Früherkennung aufgezeigt. Das ist eine Dimension von Digital Health, die ich noch nicht kannte.

2.


Transformation und Digitalisierung – was ist gut daran?

Jeder Veränderungsprozess rüttelt alte Strukturen auf und bringt eine Evaluation des Status quo mit sich. Ich bewerte dies grundsätzlich als positiv, da ich mir wünsche, dass neue Möglichkeiten ausgeschöpft und genutzt werden. Die Digitalisierung ist hier ein Katalysator.

3.


Welche Probleme bestehen und welche Lösungen sehen Sie?

Die Perspektiven rund um das Thema Digitalisierung des Gesundheitswesens divergieren enorm, und diejenigen, die dieses Thema vorantreiben, sind nicht die Personen, die die Gesundheitsversorgung ausführen (z. B. Ärzte, Pflegekräfte oder Klinikverwaltung). Des Weiteren herrschen aufseiten der Leistungserbringer ein enormer Zeitmangel und eine gewisse Unwissenheit darüber, wie Veränderungen implementiert werden sollen. Zum Beispiel hat ein Assistenzarzt im Alltag keine Zeit, sich um Innovationen zu kümmern. Hier müssen mehr Freiräume, auch finanziell, geschaffen werden, um die verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen und Wissen zu vermitteln.

4.


Wie wird das Gesundheitswesen in zehn Jahren aussehen?

Die Vernetzung wird weiter vorangeschritten sein und die Struktur der Zusammenarbeit innerhalb der Berufsgruppen wie auch mit den Patienten wird noch enger werden. Ich wünsche mir, dass der Prävention und dem Ansatz „health in all policies“ wesentlich mehr Rechnung getragen wird und die Bürger mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen. Und ich hoffe, dass ich in zehn Jahren lange mit meiner Assistenzarztzeit fertig sein werde.

Jana Aulenkamp

ehem. Präsidentin der bvmd e. V.

Jana Aulenkamp ist seit kurzem approbierte Ärztin und promoviert an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Chronische postoperative Schmerzen“.


2018 war sie Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland und hat davor als Bundeskoordinatorin den Bereich der Gesundheitspolitik geleitet. Zuvor hat sie sich drei Jahre in der weltweit größten Studierendenorganisation AIESEC, die Nachwuchsführungskräfte mit globaler Perspektive ausbildet, bis auf nationaler Ebene engagiert. Derzeit ist sie Vorstandsmitglied im Internationalen Wirtschaftssenat Young, Gründungsmitglied des interprofessionellen Nachwuchsvereins #Gesundheit und Teil der Initiative SHEHEALTH.