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Digital Health | Health Care News

02 / 10

Perspektive der Ärzteschaft

Zuwendung, persönliche und menschliche Akzente werden die ärztliche Tätigkeit dominieren, während rein medizinisch-inhaltliche Entscheidungen eher datenbasiert getroffen werden.

Dr. Pedram Emami

Präsident der Ärztekammer Hamburg

Stellungnahme zu Digital Health aus der Perspektive der Ärzteschaft

Herr Dr. Emami, wie beurteilen Sie die durch Digital Health initiierte Entwicklung aus der Perspektive der Ärzteschaft? Welchen Einfluss hat Digital Health auf das Berufsbild und den Arbeitsalltag?

Ohne Zweifel wird sich künftig die Rolle der Ärzteschaft verändern. Künstliche Intelligenz wird eine zunehmend wichtige Rolle in den Prozessen der Entscheidungsfindung spielen. Die Robotik wird z. B. in der Chirurgie den Menschen unterstützen, perspektivisch ihn vielleicht sogar irgendwann überragen und ersetzen. Demnach werden wir möglicherweise einen Shift erleben, der die Ärzteschaft mehr in die Rolle des Gesundheitsberaters bewegen wird: Mehr Zuwendung, mehr persönliche und menschliche Akzente werden die ärztliche Tätigkeit dominieren, während rein medizinisch-inhaltliche Entscheidungen (Diagnose? Therapie?) eher datenbasiert und leitliniengerecht technisch betrachtet und getroffen werden. Die Kommunikation und der Arztkontakt werden sich dem Stand der Technik anpassen; Fernberatung (und gegebenenfalls auch Fernbehandlung) werden irgendwann zur Routine gehören.


Hauptanliegen sollte aber immer sein: Wie können wir unter Nutzung moderner Technologien die medizinische Versorgung optimieren/verbessern – im Hinblick auf die Bedürfnisse von Patienten ebenso wie hinsichtlich der zunehmenden Komplexität der Aufgaben der Leistungserbringer?


Letztlich wird es darauf ankommen, dass die Ärzteschaft ihren medizinischen Sachverstand, die Erfahrung in der Versorgung, aber auch den Willen mit einbringt, vorurteilsfrei und immer mit dem Patientenwohl im Blick den Transformationsprozess zu begleiten, ja zu gestalten. Insbesondere wird es sowohl im Hinblick auf digitale Gesundheitsprodukte als auch in der Anwendung moderner technologischer Kommunikations- und Behandlungsverfahren von unerlässlicher Bedeutung sein, wie die Qualität in diesen Bereichen gesichert wird. Im Zuge des ökonomischen Booms auf diesem Sektor wird schnell ein Markt entstehen, der weder auf ärztlicher noch auf Patientenseite leicht zu durchschauen sein wird. Umso bedeutsamer werden die wissenschaftliche Auseinandersetzung und die Evaluierung dieser Verfahren und Produkte sein, um einerseits dem Anspruch an evidenzbasierte Qualität gerecht zu werden und andererseits rein kommerziellen Interessen entgegenzuwirken. Denn am Ende wird auch die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens noch stärker als zuvor mit dieser Entwicklung zusammenhängen. Ich vermag nicht zu beurteilen, inwieweit es möglich sein wird, Konsolidierungs- und Ersparnispotenziale durch neuere Technologien zu nutzen. Denkbar ist aus meiner Sicht, dass diese Entwicklung eher zu einer Diversifizierung der Verfahren und Möglichkeiten im System führen wird, woraus zwar Verschiebungen in den Aufgaben der Akteure, jedoch insgesamt eine Zunahme der Aufgaben erfolgen könnte.


In diesem Zusammenhang wird dann zu klären sein, welche medizinischen Teilbereiche neu zu definieren sind: Prophylaxe und Prävention, Diagnose und Therapie, Fürsorge und Pflege, Lifestyle und Funktionserhalt usw., und folglich auch, welche Kosten in welchem Bereich zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören.


Vor allem in der Anfangsphase der Transformation werden über die volkswirtschaftlichen Fragen hinaus auch solche im medizinisch-legalen Bereich zu klären sein:

  • Inwieweit vertrauen wir menschlichen Entscheidungen?
  • Ab wann halten wir die Anwendung von KI für zwingend notwendig (weil deren Entscheidungen sicherer sind als die des Menschen)?
  • Wer trägt die Verantwortung, wenn Entscheidungen KI-basiert getroffen werden?
  • Wer haftet und wer kommt dann für mögliche Schäden auf?
  • Und natürlich jenseits des Juristischen: Wo bleibt der Mensch?

Persönliche Einschätzung von Dr. Pedram Emami

1.


„Digital Health“ – was geht Ihnen bei diesem Terminus als Erstes durch den Kopf?

Fortentwicklung der Medizin und der medizinischen Versorgung unter Einfluss technologischer Entwicklungen. Das ist erst einmal völlig wertneutral – was wir daraus machen, das steht auf einem anderen Blatt.

2.


Transformation und Digitalisierung – was ist gut daran?

  • Die Telemedizin könnte den Zugang zu spezialisierter Fachexpertise auch über lange Distanzen hinweg einfacher ermöglichen.


  • Die Überwachung und medizinische Begleitung chronisch kranker und älterer Menschen könnte schon in naher Zukunft lückenloser, sicherer und weniger aufwendig erfolgen (z. B. App-basierte Kontrolle des Blutzuckerspiegels bei Diabetikern einschließlich Therapieempfehlung).


  • Die Kommunikation sowie der Informations- und Datenaustausch unter den einzelnen Leistungserbringern des Gesundheitswesens könnten erleichtert werden.


  • Virtual und Extended Reality können die medizinische Aus-, Weiter- und Fortbildung optimieren. Die Planung und die Vorbereitung von Operationen könnten erleichtert und die Eingriffe selbst damit sicherer und risikoärmer werden.


  • Sich wiederholende, standardisierte und wenig anspruchsvolle Aufgaben könnten automatisiert werden und zur Entlastung von Fachkräften beitragen.


  • Eine sinnvolle Nutzung von Big Data könnte den Weg zu neuen medizinischen Erkenntnissen, Therapien und zur Optimierung der Versorgungswege ebnen.

3.


Welche Probleme bestehen und welche Lösungen sehen Sie?

Die Frage, wem die Gesundheitsdaten „gehören“, ist sehr komplex. Dem verständlichen Sicherheitsbedürfnis von Patienten stehen medizinische Notwendigkeiten gegenüber (z. B. ist eine sinnvolle Behandlung erst durch eine vollständige Krankengeschichte möglich).


Große Konzerne mit entsprechendem Kapital können durch enorme Investitionen den Gesundheitsmarkt in eine Richtung lenken, die hauptsächlich von monetären Interessen bestimmt wird. Inwiefern die Gesetzgebung hier gegensteuern kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Zumindest bedarf es der gesellschaftlichen Awareness für die Problematik und des stetigen öffentlichen Diskurses.

4.


Wie wird das Gesundheitswesen in zehn Jahren aussehen?

Erfahrungsgemäß treffen Zukunftsprognosen selten zu. Viel wichtiger ist m. E. die Frage: Was für ein Gesundheitswesen wünschen wir uns als Gesellschaft für die Zukunft?


Ich wünsche mir ein System, das den Bürgern unter Nutzung modernster Technologien und aktuellster medizinischer Erkenntnisse unabhängig vom Wohnort und vom sozialen Status eine optimale Versorgung anbietet. Wir haben heute in weiten Teilen im internationalen Vergleich schon ein solches System. Es gilt aber, dieses – selbstverständlich unter Berücksichtigung der Fragen der Finanzierbarkeit – in die Zukunft zu transkribieren.

Dr. Pedram Emami

Präsident der Ärztekammer Hamburg

Dr. Pedram Emami studierte Humanmedizin in Göttingen und Hamburg sowie Health Care Management an der European Business School und ist derzeit neurochirurgischer Oberarzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes, Landesverband Hamburg und seit Dezember 2018 Präsident der Ärztekammer Hamburg.