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Digital Health | Health Care News

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Perspektive eines Patienten

Digitalisierung im Gesundheitswesen ist zwar unverzichtbar, sie kann jedoch keine Wunder vollbringen. Oder vielleicht positiver: nur die Wunder, die der Mensch zuvor in das System „hineingedacht“ hat.

Dr. Reinhard Rost

Patient und ehem. Physiker im Bereich der medizinischen Forschung

Stellungnahme zu Digital Health aus der Perspektive eines Patienten

Herr Dr. Rost, wie beurteilen Sie die durch Digital Health initiierte Entwicklung aus der Perspektive der Patienten? Welchen Einfluss hat Digital Health auf Versorgung, Patienten-Arzt-Verhältnis und Lebensqualität?

Es stellt sich hier die Frage, warum sich der Patient überhaupt mit dem Thema Digital Health beschäftigen sollte, stellt es sich doch zunächst in erster Linie als Komplex technischer Möglichkeiten dar, Abläufe im medizinischen Betrieb moderner, schneller und weniger aufwendig zu gestalten. Oder ist es doch mehr?


Die digitale Zukunft der Medizin verspricht nicht weniger als eine Revolution in den Wechselwirkungen zwischen dem biologischen System Mensch einerseits – sowohl in Gestalt des Patienten als auch des Arztes und des medizinischen Personals – und den technischen Systemen der Diagnostik und Therapie andererseits – also Mess- und Auswertungstechnik sowie Befunddokumentation. Die auf diesen medizinischen Tätigkeitsfeldern angewandten Verfahren stehen in engem Zusammenhang mit dem Entwicklungsstand medizinischer Geräte und medizinischen Wissens. Sie unterliegen mit den zur Verfügung stehenden digital rechnenden und steuernden Methoden einem viel schnelleren Wandel als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das beinhaltet für einen Patienten der Begriff „Digital Health“.


Hinzu kommt der durch die Medien vermittelte Eindruck, dass Digitalisierung in jedweder Form alle Probleme des Gesundheitswesens lösen kann. Sicher, komplizierte Operationen werden heute schon sehr eindrucksvoll von Computern durchgeführt. Aber wie groß ist ihr Anteil auf dem riesigen Feld chirurgischer Methoden? Und wie groß war der Aufwand, der Medizintechnik die Feinheiten eines komplizierten Eingriffs beizubringen – soll heißen, sie zu programmieren? Das scheint also einerseits eine Kapazitätsfrage zu sein (Frage: Wie viel „Programmierer“ bunter Internetseiten kommen auf einen gut ausgebildeten Systemprogrammierer?) und andererseits: Wollen wir wirklich Eingriffe durch Maschinen „wie am Fließband“? Wobei die Antwort auf letztere Frage nicht so einfach sein dürfte, wie die Worte suggerieren, denn derartige OPs verlaufen offensichtlich sehr präzise.


Ebenso zweischneidig ist das weite „bürokratische“ Feld vorgeschriebener medizinischer Dokumentation, das auch durch die Digitalisierung auszuufern scheint. Vertrauen wir Ärzten und ihrem Team so wenig, dass sie bereits vorauseilend minutiös belegen müssen, was sie getan haben und wie? Als Patient fällt einem dabei nur ein: Schade um die Zeit, die im Kontakt zum Kranken sinnvoller eingesetzt wäre. Dieser persönliche Eindruck ist sicher subjektiv und unvollständig, aber ich denke, Digitalisierung im Gesundheitswesen ist zwar aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht unverzichtbar, sie kann jedoch keine Wunder vollbringen. Oder vielleicht positiver: nur die Wunder, die der Mensch – ob Arzt, Wissenschaftler oder gut informierter Patient – zuvor in das System „hineingedacht“ hat. Neue medizinische Probleme, u. a. durch eine steigende Lebenserwartung, definieren den Zustand „Gesundheit“ neu und werden auf jeden Fall alle verfügbaren Hilfsmittel zu ihrer Lösung benötigen – auch und nicht zuletzt Digital Health.

Persönliche Einschätzung von Dr. Reinhard Rost

1.


„Digital Health“ – was geht Ihnen bei diesem Terminus als Erstes durch den Kopf?

Zwei Worte, die wofür stehen? „Digital“ für eine in erster Linie daten- also zahlenverarbeitende Arbeitsweise und „Health“ für einen etwas unscharf definierten „analogen“ Zustand des menschlichen Organismus, nämlich die Abwesenheit von Krankheit(en). Also kann Digital Health nur die Gesamtheit aller methodischen und technischen Bemühungen umfassen, die medizinischen Abläufe effektiver zu gestalten. Neue, digitale Formen ärztlicher (Fern-)Betreuung machen dabei Hoffnung, bereits bestehende bzw. sich ankündigende Defizite bei der flächendeckenden medizinischen Versorgung besser kompensieren zu können.

2.


Transformation und Digitalisierung – was ist gut daran?

Der digitale Wandel des Gesundheitswesens wird mit Sicherheit zahlreiche Prozesse automatisieren, beschleunigen und die Möglichkeiten ärztlicher Tätigkeit erweitern. Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung für den Patienten bezahlbar bleibt und der persönliche Kontakt zum Arzt sowie eine Pflege im notwendigen Umfang erhalten bleiben.

3.


Welche Probleme bestehen und welche Lösungen sehen Sie?

Neben ausufernder Bürokratie bei der Erfassung ärztlicher Tätigkeit und im pflegerischen Bereich bestehen offene Probleme des Datenschutzes beim Handling patientenbezogener persönlicher Daten und medizinischer Befunde. Als Lösung bieten sich mit den Möglichkeiten digitaler Datenverarbeitung zwei gleichzeitig zu begehende Wege der Arbeit mit den Daten an: das Führen von zwei getrennten Datensätzen, von denen einer aus medizinischer Sicht vollständig ist, aber anonymisiert („verschlüsselt“) wird, z. B. für die Forschung und statistische Aspekte, während der zweite Datensatz nur wirklich notwendige, personenbezogene Informationen enthalten sollte, die dann allerdings wirksam zu schützen wären.

4.


Wie wird das Gesundheitswesen in zehn Jahren aussehen?

Im Vordergrund stehen dürfte vor allem Personalmangel auf allen Ebenen ärztlicher und pflegerischer Tätigkeit, wie er sich bereits jetzt auch in anderen Bereichen der Wirtschaft zeigt. Im nationalen Rahmen können Personallücken, wenn überhaupt, nur auf Kosten anderer medizinischer Strukturen und Bereiche der Wirtschaft „gefüllt“ werden. Das Abwerben qualifizierter Fachkräfte aus (EU-)Nachbarländern sollte sich eigentlich von selbst verbieten. Medizintechnische Innovationen sind mit zunehmender Dynamik zu erwarten und werden die Möglichkeiten ärztlicher Tätigkeit deutlich erweitern. Diese allerdings können dem Patienten nur dann umfassend zur Verfügung stehen, wenn auch er über die notwendigen digitalen Hilfsmittel verfügt und diese beherrscht – in zehn Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch nicht Normalität für Patienten in höherem Lebensalter bzw. für alle sozialen Schichten – eine neue Form von Zweiklassenmedizin?

Dr. Reinhard Rost

Patient und ehem. Physiker im Bereich der medizinischen Forschung

Der Verfasser dieses Beitrags ist seit einigen Jahren im Ruhestand, nachdem er als Physiker im Bereich der medizinischen Forschung und der Hochschullehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena gearbeitet hat. Er verfügt über Erfahrungen auf dem Gebiet der Neurophysiologie und der Anwendung mathematischer Verfahren in der Biosignalanalyse. Aufgrund einer chronischen Erkrankung konnte er über Jahre diverse Erfahrungen im Gesundheitswesen sammeln – zumeist positive, aber auch solche, die kritische Fragen aufwerfen.